Beteiligung an Forschungsprojekten

Im Zuge der Lehrtätigkeit an der Universität für angewandte Kunst Wien, Beteiligung an internationalen Forschungsprojekten in verschiedenen Funktionen.
Forschung, Universität für angewandte Kunst, 2021

Radical Matter

Der Begriff "Radical Matter", der aus dem Englischen übersetzt in etwa "unberechenbare neue Materie" bedeutet, bezieht sich auf das ungewöhnliche Verhalten, das bereits vor Jahrzehnten für subatomare Teilchen vorhergesagt wurde. Diese so genannten Quanteneffekte waren lange reine Theorie, doch heute versteht man sie so gut, dass schon bald mit der Fertigstellung von extrem leistungsstarken Computern auf dieser Grundlage gerechnet werden kann.

In der Vergangenheit haben bahnbrechende Entdeckungen oft unser Verständnis der Welt verändert. Wir glauben deshalb, dass auch die Quantenphysik die Art beeinflussen wird, in der wir Menschen denken und handeln. In diesem Falle könnte dies sogar eine recht radikale Veränderung sein, da die Regeln der Quantenphysik jenen grundlegend zu widersprechen scheinen, die wir kennen: Dort gibt es weder eine lineare Zeit, noch ist es klar wo genau sich ein Partikel gerade befindet. Und als ob das nicht schon seltsam genug wäre, würde auch jeder Versuch, solch ein Teilchen zu beobachten, dessen Verhalten auf unvorhersehbare Weise verändern.

Schon heute gibt es komplexe Systeme die gewisse Ähnlichkeiten mit diesen Phänomenen haben, namentlich solche, bei denen sich Transaktionen der realen Welt in Echtzeit mit maschinengenerierten Modellen austauschen wie zum Beispiel an den Finanzmärkten. Da Ursache und Wirkung dabei oft nur noch Sekundenbruchteile auseinanderliegen und unübersehbar viele Faktoren gegeneinander verrechnet werden müssen, sind Entscheidungsprozesse selbst im Nachhinein oft nicht mehr eindeutig nachvollziehbar. Durch die zunehmende Vernetzung aller Lebensbereiche erscheint es also recht wahrscheinlich, dass wir zukünftig öfters mit solchen schwer erklärbaren Überlagerungen und Verschränkungen zu tun haben.

Um diese besser verstehen zu lernen, müssen wir also neue Werkzeuge und Sprachen erfinden und unser Leben wird sich zukünftig noch stärker mit dem der Maschinen verweben. Es ist vorhersehbar,  dass diese enge Partnerschaft große Änderungen mit sich bringen wird – nicht nur in der Informatik und in den Wissenschaften, sondern auch in der Philosophie, der Kunst, der Literatur und im menschlichen Zusammenleben.

Wir wollen zeigen, wie wichtig die Zusammenarbeit der Wissenschaften mit den Künsten sein wird, um sich diese zukünftigen Entwicklungen und die daraus entstehenden Möglichkeiten vorzustellen. Wir wollen praktische Wege erforschen, um ihre Auswirkungen auf uns selbst und unseren Planeten umzusetzen und sind der Meinung, dass dies nur durch die Zusammenarbeit aller Kräfte unter Einbeziehung der Kunst möglich ist.

Das Ergebnis unseres Projekts wird ein Leitfaden für das Unbekannte sein, den wir schreiben, während wir uns auf der Reise befinden.  Es wird sich um eine eigenartige Karte handeln, auf der sich die Orte und Ereignisse, die wir kartieren, durch unsere Beobachtungen verändern. Diese Art der Herangehensweise entspricht ziemlich genau den Methoden, die auch für die Herstellung von Kunst und für alle Formen von Erfindungen erforderlich sind.

Ausstellung, Forschung, Universität für angewandte Kunst, 2019

Data Loam - Sometimes Hard, Usually Soft

Die KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen des Data Loam Projekts erforschen die Vergangenheit und Zukunft von Wissenssystemen und postulieren die dringende Notwendigkeit neue Organisationsformen jenseits der verfestigten Kategorisierungen und Indexierungen zu entwickeln. Ziel dabei muss es sein, aus dem Korsett hergebrachter lexikalischer und enzyklopädischer Ordnungen auszubrechen und die ihnen eingeschriebenen Hierarchien und Wertungen aufzulösen, ohne neue und vielleicht viel tiefgreifendere Verzerrungen zu erzeugen. Anstatt weiter einer verkürzenden, binäre Ontologie zuzuarbeiten, wollen wir Information zukünftig als dynamisches Netz interagierender Partikel und damit letztlich als Form von Materie begreifen, in der sich auch Ambivalentes, Unentscheidbares und Ephemeres integrieren und abbilden lässt.

Film, Forschung, 2018

tx-reverse

Ein Raum-Zeit-Schnitt durch das Kino.
A/D 2018, Kurzfilm, DCP, Farbe, 1:2,39 / "tx-reverse 360°": A/D 2019, Rauminstallation in 360°, 10K
Länge: 5 min.

Link zum trailer.

Was ist hinter der Kinoleinwand? Es verwundert nicht, dass Kino-im-Kino-Szenen oft in Horrorfilmen verwendet werden. Denn sie irritieren und beunruhigen, indem sie uns – die unbeweglichen, im gemütlichen Dunkel versteckten Betrachter – an unsere eigene fragwürdige Position erinnern. Was, wenn die Kräfte der unbegrenzten Vorstellungskraft durch die Leinwand hindurch in unsere Realität eindringen? Was, wenn der Zuschauerraum sich auflöst und mit ihm die vertrauten Regeln des Kinos selbst? Auf bisher nie gezeigte Weise zeigt "tx-reverse" diese Kollision von Realität und Kino und zieht seine Zuseher in einen Strudel, in dem die gewohnte Ordnung von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt zu sein scheint.
Bereits in den 1990er Jahren erfand Martin Reinhart eine Filmtechnik namens "tx-transform", welche die Zeit (t)- und die Raumachse (x) im Film miteinander vertauscht. Normalerweise bildet jeder einzelne Filmkader den ganzen Raum, aber nur einen kurzen Moment der Zeit (1/24 Sekunde) ab. Bei tx-transformierten Filmen ist es jedoch genau umgekehrt: Jeder Filmkader zeigt die gesamte Zeit, aber nur einen winzigen Teil des Raumes – bei Schnitten entlang der horizontalen Raumachse wird so der linke Teil des Bildes zum "Vorher", der rechte Teil zum "Nachher".
20 Jahre nachdem Martin Reinhart und Virgil Widrich diese Filmtechnik erstmals in einem Kurzfilm einsetzten ("tx-transform", 1998), beschäftigen sie sich erneut mit der Frage, welche bisher ungesehene Welt bei der Vertauschung von Raum und Zeit entsteht, passenderweise gleich in einem Kino und in vollen 360°: Im Babylon Kino in Berlin filmten sie mit der OmniCam-360 an die 135 DarstellerInnen und berechneten aus diesem Material die Installation "tx-reverse 360°" für das ZKM.

Gewinner von 33 internationalen Filmpreisen!

Forschung, Universität für angewandte Kunst, 2017

Data Loam

Wir sind in der Position eine völlig neue Software nutzen zu können, die es uns erlaubt zu verstehen wie Wissen in Welt-Informationssysteme wie The Library of Congress oder Wikipedia organisiert ist. Wir möchten eine interaktive Schnittstelle zu der "Topographie des Wissens" entwickeln, die anschaulich macht, wie dominante Systeme Informationen strukturieren und wie sie durch ihre eigene Kategorisierung und Indexierung Bedeutungszusammenhänge schaffen, die immer auch dem Zeitgeist, dem gerade vorherrschenden Erkenntnisstand und letztlich auch der gerade opportunen Ideologie geschuldet sind. So sehr sie es auch behaupten – diese Systeme können per se nicht objektiv sein, da sie den Konflikten und Vorurteilen der Vergangenheit nur die der Jetztzeit entgegen setzen können.

Die neue Sicht, die wir anbieten wollen ist auf seltsame Weise objektiver als jede aktuelle Forschung, Interpretation oder Erzählung, die unsere Welt beschreiben will. Denn bei uns sind es die Objekte selbst – oder besser die Vielzahl der Bedeutungs-Vektoren, die ihnen im Laufe der Zeit zugeschrieben wurden – die ihre spezifische Position innerhalb einer "Topografie des Wissens" determinieren. Wir sollten die ständig wachsende und amorphe Qualität dieser Matrix annehmen und akzeptieren, dass es keine endgültige Konfiguration geben wird. Wir müssen beginnen unsere Erwartungen in Bezug auf Begriffe wie "Wirklichkeit", "Wahrheit" und "Tatsache" zu hinterfragen. In unserem Verständnis ist es die utopische Qualität von "Big Data" eine echte Demokratie der Objekte schaffen zu können und die menschliche Voreingenommenheit lediglich als eine historisch bedingte Variable mit ein zu berechnen.

Von diesem Grundgedanken ausgehend wollen wir untersuchen welche sinnvollen Möglichkeiten der künstlerischen Interaktion es mit großen Datenmengen gibt. Wir schlagen vor, Daten in eine Art von "Materie" zu transformieren, die man berühren, umstrukturieren und neu organisieren kann.

DATA LOAM – das neue Material, das wir mit diesem Projekt einführen wollen – ist keine Fantasie. Es basiert auf der Substanz, die von den Institutionen und der Industrie schon seit längerem verwendet und missbraucht wird. Wir wollen um nichts weniger, als es jedem einzelnen zu ermöglichen eine wahre/fiktive/absurde Variation der Welt zu schaffen. Eine gottähnliche Position – ein Labor der möglichen Realitäten – ein leistungsfähiges Werkzeug, das von denen verwendet werden soll, die der Wirklichkeit sowieso immer mißtraut haben: den Philosophen und Künstlern.
Forschung, Universität für angewandte Kunst, 2015

Apertus AXIOM: die erste quelloffene professionelle Filmkamera

Das von der EU (Horizon 2020) geförderte Projekt AXIOM entwickelt die erste open source Filmkamera. Das Projekt wird von der Universität für angewandte Kunst koordiniert und ist Art & Science zugeordnet. Das Projektkonsortium besteht neben der Angewandten aus der Apertus Association (Österreich), antmicro (Polen), af inventions (Deutschland) und Denz (Deutschland). 
Forschung, Universität für angewandte Kunst, 2014

Die Zukunft der Leitwarte

Die Abteilung Art & Science an der Universität für angewandte Kunst führt das Projekt "Die Zukunft der Leitwarte" durch. Ziel dieses Forschungsprojekts ist es, den gegenwärtigen Zustand von Leitwarten zu hinterfragen und neue Konzepte und Designs zu entwickeln, wie diese in Zukunft aussehen können. Das Forschungsfeld beinhaltet Geschichte, Film, Architektur, Mensch-Maschine-Interaktion, Software, GUI-Entwicklung und die Politk des Interface-Designs.
Forschung, 2013

Die Nacht der 1000 Stunden

2. bis 9. Juni Teilnahme am Seminar "Lichttage/Lichtnächte" mit Kameramann Christian Berger in Ilovic, Kroatien.
Forschung, Universität für angewandte Kunst, 2012

Flüssige Dinge/Liquid Things

Materialien waren immer schon Träger von Nachrichten. In unserer heutigen Situation bekommen sie allerdings eine neue Relevanz aufgrund der wachsenden Informationsströme, die unsere Gesellschaften kontinuierlich formen. Infolgedessen arbeiten viele wissenschaftliche Felder gleichzeitig daran, die Möglichkeiten der Materie zur Handhabung dieser Ströme zu erweitern. Auf dem Weg zur Realisierung von Konzepten wie "programmable matter" und "adaptive architecture" entstehen Forschungsgruppen zu "mediated matter", transitiven Materialien und Metamaterialien. Diese noch jungen Bereiche durchzieht ein mechanistisches Denken, das vielversprechende Aspekte neuer, aktiver und formwandlerischer Materialien jedoch unbeachtet lässt.
Unter Berücksichtigung von Gaston Bachelards poetischen Essays über den Einfluss von Materie auf die Imagination und vor dem Hintergrund einer seit Ovids "Metamorphosen" andauernden zweitausendjährigen Aufladung unserer Kultur mit Ideen der Gestaltwandlung soll eine praktische und kritische Annäherung an die Entwicklungen in den konvergierenden Bereichen von Physik, Chemie, Computer- und Materialwissenschaften stattfinden, um Fragen wie nach der psychischen Resonanz aktiv werdender Materialien oder nach ihrem Potenzial zur Neuverhandlung unserer dinglichen Wirklichkeit entgegenzutreten.
Beide relevanten Bezugssysteme, nämlich wissenschaftliche Entwicklungen und die Imagination, die sich mit Transformationen von Materie beschäftigt, werden zusammengeführt, um mittels neuer Ansätze, Konzepte und konkreter Aktionen bestehende künstlerische Perspektiven zu erweitern.
Das Projekt Liquid Things widmet sich der künstlerischen Grundlagenforschung und ist in drei Blöcke gegliedert: Material/Technologie, Theorie/Reflexion und Kunst/Prozess, mit jeweils mehreren internationalen Einladungen zu konzentrierten, zeitlich beschränkten Kooperationen mit individuellen Abschlusspräsentationen. Das erste Modul konzentriert sich auf Experimente mit neuartigen Materialien; das zweite vertieft den Kontext und bestimmt den theoretischen Rahmen unserer Recherchen; das dritte beinhaltet die Herstellung von künstlerischen Prototypen. Die wichtigsten Ergebnisse werden präsentiert in: zwei Workshops über den künstlerischen Umgang mit aktiven Materialien, einem Symposium, welches das theoretische und praktische Feld des Projekts in Hinsicht auf art-based research reflekiert, einer Ausstellung, die die Prototypen zur Diskussion stellt und einer abschließenden Buchpublikation, die die Prozesse, Kollaborationen, Aktivitäten und Resultate des Projekts zusammenfasst. Die drei Blöcke greifen stark ineinander und ermöglichen es, einen kritischen und gleichzeitig wohlwollenden neuen Umgang, eine vertiefende Kollaboration, mit dem Material, zu entwickeln.
Roman Kirschner